Russische Eiszeit ("Die Zeit")
| 26.11.2014 | 2:02 | В рубрике: Foreign press | tags: , ,

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Der russische Präsident Wladimir Putin (r.) begrüßt Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG im März 2014. | © dpa

Nadine Oberhuber

Die Sanktionen gegen Russland bescheren deutschen Firmen hohe Verluste. Mit öffentlicher Kritik halten sie sich trotzdem zurück. Sie fahren lieber direkt nach Moskau. Manchmal muss man zwischen den Zeilen und zwischen den Zahlen lesen, um das ganze Bild zu verstehen.




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Vor allem, wenn sich die Beteiligten mit klaren Worten zurückhalten, so wie die deutsche Wirtschaft in Sachen Russland. Durch die von der EU gegen Russland verhängten Sanktionen verlieren deutsche Unternehmen viel Geld. Im laufenden Jahr sollen es rund sieben Milliarden Euro sein. Das entspricht in etwa einem Fünftel des gesamten Russlandgeschäfts.

Damit fällt Russland in der Exportstatistik unter den osteuropäischen Ländern auf den dritten Rang zurück. Inzwischen verkaufen deutsche Unternehmen deutlich mehr nach Polen und Tschechien als ins riesige Russland. Doch wie schwer wiegen diese sieben Milliarden Euro? Und haben sie das Zeug dazu, der deutschen Wirtschaft ernsthaft zu schaden?

Setzt man die Zahl in Bezug zum Bruttoinlandsprodukt, so ist sie nur etwa ein Vierhundertstel dessen, was die Wirtschaft zuletzt im Jahr erarbeitet hat. Vergleicht man sie aber mit einer anderen Zahl, die Ökonomen traditionell sehr wichtig ist, nämlich dem Wirtschaftswachstum, dann nimmt sie schon einen anderen Stellenwert ein: Um elf Milliarden Euro wuchs die Wirtschaft 2013. Wenn ihr nun im laufenden Jahr sieben Milliarden fehlen, ist das nicht wenig.

Besorgte deutsche Manager

Kein Wunder also, dass sich Siemens-Chef Joe Kaeser zuletzt «besorgt» zeigte, was die Sanktionen betrifft: «Wir müssen aufpassen, dass am Ende nicht auch ganz Europa den Preis für die Krise zahlt», mahnte er. Siemens selbst treffen die Sanktionen hart: Der Auftragseingang aus Russland wird im laufenden Jahr um ein Drittel zurückgehen, teilte das Unternehmen unlängst mit.

«Hinter den sieben Milliarden Euro stehen eine Reihe von Existenzen und zehntausende Arbeitsplätze, die in Deutschland in Gefahr geraten», sagt Eckhard Cordes, ehemaliger Metro-Chef und heute Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. «Spezialisierten Mittelständlern fällt es schwer, sich schnell auf andere Märkte umzuorientieren.» Der deutsche Maschinenbau geht von Einbußen in Höhe von 40 bis 50 Prozent im laufenden Jahr aus. Die Branche befürchtet, dass chinesische Konkurrenzunternehmen die Lücke nur zu gern füllen, die sich durch den Rückzug der europäischen Firmen auftut.

Auch die Autokonzerne haben ihre Produktion in Russland merklich zurückgefahren. Opel ordnete in seinem Werk in St. Petersburg Kurzarbeit an und die Bänder bei VW in Kaluga standen zwei Wochen lang still. Nun waren die Gründe dafür nicht nur die Sanktionen, sondern auch der damit einhergehende Verfall des Rubels. Er macht deutsche Produkte für russische Käufer unattraktiver.

Die Ukraine-Krise verunsichert und hat Vertrauen zerstört: Am deutlichsten zeigt sich das an den Investitionen. Die tätigen deutsche Firmen in Russland nun viel seltener, meldete der Deutsche Industrie und Handelskammertag (DIHK) unlängst. Die Unternehmen stellen den Ausbau von Werken oder Standorten zurück und die Banken sind bei der Vergabe von Krediten viel vorsichtiger geworden.

Und diejenigen, die trotzdem in jüngster Zeit investiert haben, bangen um ihr Geld. Die russische Regierung bereitet ein Gesetz vor, das es ermöglichen soll, ausländisches Eigentum zu konfiszieren. Damit sollen diejenigen Oligarchen entschädigt werden, deren Konten im Ausland eingefroren wurden. Davon bedroht sehen sich dem Vernehmen nach auch einige deutsche Unternehmen. Es träfe vor allem diejenigen, die zuletzt mit großen Summen in den russischen Markt preschten, zum Beispiel die Metro, die 70 Großmärkte für rund eine Milliarde Euro baute. Oder den Energiekonzern E.on, der zehn Milliarden Euro investierte. Oder Opel und VW, die Werke in der Hoffnung bauten, dass Russland bis 2020 Europas größter Automarkt werde.

Und dass solche Gesetze nicht nur Drohgebärden sind, hat Russland schon einmal bewiesen: In den Wirren der 1990er Jahre hat der Staat tatsächlich Unternehmer enteignet. Manche von ihnen streiten heute noch vor Gericht, um wenigstens eine Entschädigung zu erhalten.

Die größte Unsicherheit besteht aber wohl darin, was nun zu tun wäre. Der Ost-Ausschuss-Vorsitzende Eckhard Cordes fordert: «Beide Seiten müssen ihre diplomatischen Anstrengungen verstärken und neue Spielräume aufzeigen, um diesen Konflikt endlich zu befrieden. Wirtschaftlich produziert dieser Konflikt in Europa nur Verlierer, und in Asien gibt es die lachenden Dritten.» Sehr konkret klingt das nicht. Viel direkter möchte er aber auch nicht werden. Zumindest äußert er keinerlei Kritik am Vorgehen der Bundesregierung oder der Kanzlerin, die am Rande des G-20-Gipfels sehr viel deutlichere und undiplomatischere Worte gegenüber Präsident Putin fand. Trotz der Brandrede der Kanzlerin betont Cordes: «Die diplomatischen Initiativen der Bundeskanzlerin und des Bundesaußenministers in den vergangenen Tagen sind außerordentlich wertvoll.»

Hört man jedoch genau hin, dann kamen wohl insbesondere die mäßigenden Worte von Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Wirtschaft gut an: «Der Vorschlag des Bundesaußenministers, direkte Gespräche zwischen der Europäischen Kommission und der Eurasischen Wirtschaftskommission über die gegenseitige Handelspolitik zu beginnen, kommt zur rechten Zeit. Brüssel und Moskau müssen sich über Handelsbeziehungen verständigen.»

Manager reisen nach Russland

In einem Interview einige Tage zuvor war der Ost-Ausschuss-Vorsitzende noch sehr viel deutlicher: «Die Frage ist: Wirken diese Wirtschaftssanktionen? Hier haben wir immer mit großer Skepsis reagiert, dass das der Fall sein wird. In einer globalen Wirtschaft wirken Sanktionen dann, wenn alle mitmachen. Das ist aber hier nicht der Fall.» Aber die Politik der EU und Bundeskanzlerin Angela Merkel offen zu kritisieren, das traut sich niemand wirklich: «Selbstverständlich steht der Verband aber noch hinter der politischen Marschrichtung», heißt es etwa vom Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken.

Hinter den Kulissen aber nehmen einige Wirtschaftsvertreter das Heft lieber selber in die Hand. Vorstände deutscher Dax-Konzerne sind nach Russland gereist, zuletzt Anfang November, um sich mit dortigen Politikern zu treffen. Heimlich. Weder Firmen noch Botschaften bestätigten solche Treffen auf Anfrage, die Medien bekamen dennoch Wind davon. Ziel der Wirtschaftsbosse war es, auf eine Beendigung der Sanktionen zu drängen. Einigermaßen «ermutigt» seien sie heimgekehrt, sickerte danach durch.

Ob sich die Wirtschaft so ihre Absatzmärkte sichert, obwohl die Politik weiter eine harte Linie vertritt, bleibt abzuwarten. Die Aussichten in Russland sind jedenfalls nicht sehr rosig, stellt die Deutsche Außenhandelskammer (AHK) in drei möglichen Szenarien fest. Im besten Falle kommen zwei harte, magere Jahre auf deutsche Exporteure zu. Im mittleren Szenario bliebe die Unsicherheit gegenüber dem Partner Russland bestehen und trübe noch über Jahre das Geschäft. Und im schlimmsten Fall müssten sich europäische Firmen anderswo neue Absatzmärkte suchen, weil Russland seinen Bedarf an Maschinen und Werkzeugen dauerhaft in Asien deckt.

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* — zeit.de




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